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Schnuppern: Gerüche erzeugen Emotionen

Schnuppern: Gerüche erzeugen Emotionen    iStockphoto.com/Elena Borodynkina

Erstellt am 1. Mai 2015

Hanni Heinrich

von Hanni Heinrich

Dipl. Dokumentarin (FH), Dipl. Medienpraktikerin und Journalistin
Schwerpunkt: Reisen, Südafrika

Sinnesorgan Nase: Wie Riechen das Leben bestimmt

Wenn der morgendliche Kaffeeduft in die Nase strömt und die frisch geduschte Haut nach Sommerurlaub riecht, dann steht einem gut gelaunten Start in den Tag nichts mehr im Wege – solange wir unsere Nase nutzen. Sie beeinflusst unsere Emotionen.

Zugegeben: Der moderne Mensch kann sich nicht allzu viel auf seinen Geruchssinn einbilden. Wir sind keine Supernasen, im Gegensatz zu den meisten anderen Säugetieren, die sich als großartige Riecher durch Raum und Zeit schnüffeln. Trotzdem ist die Botschaft, die uns seit einiger Zeit aus wissenschaftlichen Laboren erreicht, beunruhigend: Von den ursprünglich rund 1.000 Riechgenen sind uns nur noch 350 erhalten geblieben – im Zuge der Evolution.

Manche Forscher sagen, dass sich der Verfall der Riechgene nicht aufhalten lässt, weil die menschliche Nase in unserer technisierten Welt unterfordert ist: So wird zum Beispiel ein Großteil der Körperbehaarung abrasiert, die eigentlich als Duftschleuder gedacht war.

Es gibt immer noch gute Gründe, in die duftende Zukunft hinein zu schnuppern. Der Geruchsforscher Hanns Hatt von der Ruhr-Universität Bochum vermutet, dass hinter unserem Geruchssinn ein allumfassendes Kommunikationssystem steckt, in dem alle Körperzellen, egal, wo sie sich befinden, Informationen und Reaktionen mithilfe von Duftmolekülen austauschen.

Die Nase isst mit

Nach wie vor warnt uns die Nase vor vielen Gefahren: vor Feuer, Gammelfleisch und Giftstoffen. Vor allem aber würde uns das Essen nicht mehr schmecken, wenn wir nichts riechen könnten. Denn erst die Nase macht uns zum Genussmenschen. Wie trist ein Leben ohne Gerüche ist, beweisen auch erschütternde Berichte von Menschen, die aufgrund von einem Unfall oder Krankheit nichts mehr riechen können. Anosmie nennt sich diese Krankheit, die nicht selten in einer schweren Depression mündet. Die Unfähigkeit, seine Umgebung zu riechen, vertraute Menschen und Situationen auch über ihren Duft wahrzunehmen, wirkt sich bei den Betroffenen oft massiv auf die Lebensqualität aus. Wenn das Emotionszentrum im Gehirn durch die Riechzellen nicht mehr stimuliert wird, verlernt es seine Funktion. Es schrumpft und kann keine Gefühle mehr versenden. Die Folgen sind Antriebsarmut, Schlaf- und Konzentrationsstörungen bis hin zu Suizidgedanken.

Um das Gefühlszentrum vor dem Schrumpfen zu bewahren, sollten wir unser verbliebenes Riechpotenzial voll ausnutzen. „Wir müssen uns mehr um unser genetisches Erbe kümmern und das Riechen trainieren“, sagt Hanns Hatt. Seit Jahren fordert er Riechunterricht für Schüler: „Das würde uns fantastische neue Geruchswelten erschließen.“  Mit Sicherheit gibt es attraktivere Schnüffelorte als eine Bahnhofs-Toilette, doch auch auf der Durchreise begegnen unserem Riechorgan Trainingsplätze: die Bratwurstbude, der Blumenhändler. „Wir wissen inzwischen, dass das Riechen auf unsere Emotionen, auf unsere Entscheidungen, auf unsere Befindlichkeit und sogar auf unseren Hormonhaushalt Einfluss hat", sagt Geruchsforscher Hatt. „Düfte können uns jünger oder sogar schlanker erscheinen lassen.“ Sechs Kilo weniger, dank floraler Duftnote soll ein Experiment ergeben haben. Das fand der US-amerikanische Aromatologe Dr. Alan Hirsch von der Smell and Taste Research Foundation in Chicago heraus. Er ließ im Rahmen einer zehnjährigen Studie etwa 200 Männer zwischen 12 und 61 Jahren an Frauen schnuppern. Die Frauen trugen verschiedene Duftnoten.  Eine Mischung aus Blumen- und Gewürzduft brachte schließlich das Ergebnis. Als eine 111 Kilo schwere Dame sich damit eingehüllt hatte, schätzten sie die befragten Männer um durchschnittlich sechs Kilo leichter ein als sie tatsächlich war.

Wer riecht, der fühlt

Es ist schon fast unheimlich, wie sehr Gerüche Gefühle auslösen können. Da besucht man nach etlichen Jahren die Stadt, in der man aufgewachsen und die Straße, in der man zur Schule gegangen ist. Und urplötzlich ist da dieses warme Gefühl der Geborgenheit. Was ist da passiert? Die Ladentür der alten Bäckerei hat sich geöffnet. Der warme mehlige Duft von frisch gebackenem Brot, ach ja, und Kaffee, den es immer dazu gab, dringt nach draußen und vermischt sich mit dem erdig-frischen Duft der Birken, die immer noch am Straßenrand vor der Bäckerei stehen. Diese spezielle Geruchsmischung erkennt die Nase von früher.
Solche Gefühlswankungen sind keine Geheimnisse. Sie lassen sich wissenschaftlich erklären:
Die Nase ist das einzige Sinnesorgan mit einem direkten Draht ins Gehirn. Die Riechzellen kommunizieren unmittelbar mit dem limbischen System, dem Gefühls- und Erinnerungszentrum, aber auch mit dem Hypothalamus, der wichtigsten Schaltzentrale für alle vegetativen Vorgänge im Körper. Die Geruchsinfos, die hier unzensiert ankommen, können uns regelrecht überrumpeln.

"Wasche dich nicht, ich komme!“

Natürlich spielen auch kulturelle Aspekte und Erziehung bei der Wahrnehmung von Düften eine große Rolle. Schweißgeruch definieren wir als negativ, weil Eltern ihren Kindern erzählen, sie würden stinken. Das war nicht immer so: Vor 200 Jahren war Schweißgeruch für manche Nasen regelrecht betörend. Napoléon hat seiner Joséphine immer geschrieben: „Wasche dich nicht, ich komme!“

Heute gelten Fußschweiß und Mundgeruch als die größten Abturner. Prinzipiell sind es aber die persönlichen Erfahrungen, die Düfte attraktiv machen oder nicht. Im Orient etwa ist Weihrauch hoch geschätzt und dort aufgrund seiner berauschenden Wirkung in viele Rituale eingebunden. Hierzulande gibt es diese Vorliebe für frische, spritzige Zitrusdüfte. Oft hat das mit Kindheitserfahrungen zu tun. Wenn etwa viel auf Sauberkeit und Hygiene geachtet wurde und alles Warme, Erdige eher als schwülstig diffamiert wurde. Ein unbekannter Duft kann, genau wie ein verführerisches Dessous, eine völlig neue Komponente ins Liebesleben bringen. Männer sollten ein Parfum verschenken, das sie an der geliebten Frau riechen wollen. Das kann zu Überraschungen führen. Den Frauen sei geraten, das Ungewohnte nicht abzulehnen.

Fazit: Mit neuen Düften eröffnen sich neue Horizonte. Übrigens: Wir Deutschen riechen am liebsten Holz, Gras, Gebäck und den Sonntagsbraten.

Weitere Informationen:

Lesen Sie hier wie Sie Husten und Schnupfen am besten lindern.

Informationen zum Fachgebiet Molekulare Neurosensorik des Forschungsinstituts Caesar.

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